Die Aleviten beten nicht in einer Moschee, sondern treffen sich zu Kulthandlungen, genannt Cem, in einem Cemevi (Versammlungshaus) zur Rezitation von Gedichten und zum rituellen Tanz (Semah). Dieser wird von Frauen und Männern gleichzeitig ausgeführt und dabei vom Dede (»Großvater«) oder von der Ana(»Großmutter«) beaufsichtigt. Dedes und Anas sind Personen, die sich mit den alevitischen Ritualen und Traditionen sehr gut auskennen und daher hohes Ansehen unter den Aleviten genießen. Während der Cem in den dörflichen alevitischen Gemeinschaften vor der zunehmenden Abwanderung weiter Teile der alevitischen Bevölkerung Ostanatoliens unregelmäßig stattfand, nämlich immer dann, wenn ein Dede ins Dorf kam, erlebte das alevitische Kongregationsritual im Zuge der zunehmenden Urbanisierung des Alevitentums, die sich seit mehreren Jahrzehnten beschleunigt vollzieht, eine gewisse Umgestaltung, die von manchen Beobachtern zum Teil auch mit einer Sunnitisierung des Alevitentums in Verbindung gebracht wird: Der Cem wird nun in von alevitischen Vereinigungen und Kulturvereinen zur Verfügung gestellten Versammlungshäusern in regelmäßigen, oftmals wöchentlichen Zyklen abgehalten; aus den Dörfern mitgebrachte heterogene Ritualelemente werden dabei vereinheitlicht. Auf diesem Wege ist der Cem in den letzten Jahren zu einem prominenten Mittel der bewussten Neubestimmung der alevitischen Identität in der Türkei geworden, die sich seit dem Militärputsch von 1980, in dessen Folgezeit ein gewisses Wiedererstarken sunnitischer politisch-religiöser Kräfte verzeichnet werden konnte, in einem konstanten Prozess der kulturellen, religiösen und geschichtlichen Wiederentdeckung und Neuverortung befindet.
Der Semahsymbolisiert das Universum (Evren) mit den Planeten des Sonnensystems und der Galaxie. Er wird daher im Kreis getanzt, wobei die Semah-Tänzer sich wie Planeten sowohl um sich selbst, als auch um die Kreismitte drehen. Seit dem 12. Jahrhundert, vielleicht auch schon früher, diente dieser heilige Tanz zur geistigen Annäherung an Allah. Darum sollte er nach alevitischer Auffassung nicht öffentlich vorgeführt werden.
Die Verschleierung der Frau ist bei Aleviten nicht vorgeschrieben. In ihrer Lehre sind Frauen und Männer absolut gleichgestellt, in der Praxis zeigt sich dies jedoch nicht überall. Dies hat aber weniger mit der alevitischen Religion als vielmehr mit den gesellschaftlichen Wertvorstellungen von Aleviten und Türken bzw. Türkischstämmigen insgesamt zu tun, die tendenziell in einer traditionell patriarchalen Gesellschaft aufwachsen.
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